Wenn Yoga zur Arbeit wird: Wie ich meine eigene Praxis wiedergefunden habe

Ich hätte nie gedacht, dass ich meine eigene Yoga-Praxis einmal verlieren könnte.

Ich praktiziere seit über 20 Jahren Yoga. Lange bevor ich selbst unterrichtet habe, war meine Praxis etwas sehr Stabiles in meinem Leben. Sie war einfach da. Ich bin auf meine Matte gegangen, habe praktiziert und irgendwann war ich wieder bei mir.

Dann wurde ich Yogalehrerin. Und damit kam natürlich auch immer mehr Wissen.

Pranayama. Meditation. Mantra. Somatik. Nervensystem. Anatomie. Verschiedene Yoga-Stile. Neue Methoden. Neue Ansätze. Neue Ausbildungen.

Und grundsätzlich ist das ja etwas Schönes. Ich liebe es, zu lernen. Ich bin neugierig und möchte Dinge verstehen. Gerade als Yogalehrende finde ich es wichtig, sich weiterzubilden und die eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen.

Aber irgendwann hatte ich so viel Wissen im Kopf, dass genau dieses Wissen meiner eigenen Praxis im Weg stand.

Wenn auf der Matte plötzlich der Kopf übernimmt

Ich stand auf meiner Matte und war gleichzeitig gar nicht richtig dort.

Ich dachte darüber nach, welche Atemtechnik heute sinnvoll wäre.

Ob ich noch eine bestimmte somatische Übung einbauen sollte.

Ob ich meine Praxis vielleicht nutzen könnte, um etwas für meine nächste Yogastunde auszuprobieren.

Ich analysierte meine Bewegungen und beobachtete mein Nervensystem. Ich überlegte, welche Wirkung eine bestimmte Asana haben könnte. Und irgendwo dazwischen war ich selbst.

Meine Praxis war irgendwann nicht mehr nur Praxis. Sie wurde Arbeit.

Das klingt vielleicht ein bisschen absurd. Schließlich ist Yoga mein Beruf und ich liebe meinen Beruf. Aber genau darin lag das Problem: Ich hatte irgendwann keine klare Grenze mehr zwischen meiner eigenen Praxis und dem Unterrichten. Ich war auf der Matte und plante gleichzeitig meine nächste Stunde. Ich praktizierte und analysierte gleichzeitig. Ich lernte und dachte darüber nach, wie ich das Gelernte weitergeben könnte.

Ich war ständig im Modus: Was kann ich daraus machen?

Und viel zu selten im Modus: Was brauche ich gerade eigentlich selbst?

Ich hatte meinen roten Faden verloren

Ich bin ein Mensch, der Struktur braucht. Einen roten Faden. Nicht unbedingt eine komplett durchgeplante Praxis – aber das Gefühl, zu wissen, worauf ich mich gerade konzentriere.

Und genau dieser rote Faden war irgendwann weg. Ich wusste nicht mehr:

Was ist für mich wirklich wichtig?

Was brauche ich tatsächlich?

Was möchte ich in meine Praxis integrieren?

Und was finde ich eigentlich nur interessant, weil ich es gerade neu gelernt habe?

Denn das ist eine Falle, in die wir als Yogalehrende meiner Meinung nach ziemlich leicht geraten können. Wir lernen etwas Neues und plötzlich denken wir: Das muss ich auch noch machen.

Wir lernen eine neue Atemtechnik und wollen sie integrieren. Wir beschäftigen uns mit Somatik und wollen unsere komplette Praxis verändern und lernen mehr über das Nervensystem und beginnen, jede Übung unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten.

Wir machen eine weitere Ausbildung und plötzlich gibt es zehn neue Dinge, die wir eigentlich unbedingt in unsere Stunden und unsere eigene Praxis einbauen müssten. Und irgendwann besteht Yoga hauptsächlich aus Dingen, die wir noch machen müssten. Das kann ziemlich weit weg sein von dem, weshalb wir überhaupt einmal auf die Matte gegangen sind.

Was mir geholfen hat? Nicht noch eine Methode.

Sondern weniger!

Ich habe irgendwann aufgehört, meine Praxis optimieren zu wollen. Das war wahrscheinlich einer der wichtigsten Schritte. Ich musste nicht noch eine Methode finden und auch nicht noch besser verstehen, wie mein Nervensystem funktioniert.

Und ich brauchte ganz sicher nicht noch eine Ausbildung, um meine eigene Praxis wiederzufinden. Ich musste wieder anfangen zu praktizieren. Nicht als Yogalehrerin oder als Expertin.

Nicht mit dem Gedanken, etwas für meinen Unterricht mitzunehmen. Einfach als Mensch auf einer Matte. Meine Praxis ist dadurch erstaunlich unspektakulär geworden.

Ich mache Pranayama. Ich meditiere – ohne dabei ständig darüber nachzudenken, ob ich gerade „richtig“ meditiere. Ich habe ein paar Meditationen, die ich wirklich mag. Ich mache Sonnengrüße, Stehhaltungen, Drehungen, Vorbeugen und am Ende Shavasana.

Das war’s. Und genau das fühlt sich für mich gerade richtig an.

Nicht, weil diese Abfolge die beste Yogapraxis der Welt wäre, sondern weil sie meine Praxis ist.

Vielleicht musst du deine Praxis gar nicht neu finden

Vielleicht musst du auch nicht unbedingt eine neue Praxis entwickeln.

Vielleicht musst du erst einmal herausfinden, was du aus deiner Praxis entfernen kannst.

Wenn du als Yogalehrende*r das Gefühl hast, dass deine eigene Praxis immer komplizierter geworden ist, würde ich deshalb nicht mit der Frage beginnen:

„Was fehlt mir noch?“

Sondern mit:

„Was brauche ich eigentlich nicht?“

Das kann überraschend viel verändern.

1. Trenne deine Praxis von deinem Unterricht

Das war für mich ein entscheidender Punkt.

Nicht jede Praxis muss Material für eine Yogastunde liefern.

Nicht jede Asana muss einen didaktischen Zweck erfüllen.

Nicht jede Meditation muss später unterrichtet werden.

Du darfst auf deiner Matte etwas machen, das niemand jemals sehen oder lernen muss.

Deine Praxis muss nicht produktiv sein.

Das klingt banal, ist es aber gerade für Yogalehrende manchmal überhaupt nicht.

2. Entscheide dich für weniger Dinge

Schau einmal ehrlich auf deine Praxis!

Wie viele verschiedene Methoden möchtest du momentan eigentlich unterbringen?

Und wie viele davon brauchst du wirklich?

Vielleicht gibt es fünf Pranayamas, die du interessant findest – aber eines davon tut dir gerade besonders gut.

Vielleicht kennst du zwanzig Meditationstechniken – aber zwei davon bringen dich tatsächlich zur Ruhe. Dann mach diese zwei.

Du musst nicht alles, was du gelernt hast, gleichzeitig praktizieren. Wissen darf auch einfach Wissen bleiben.

3. Frag dich nicht nur, was wirkt – sondern was du magst

Gerade als Yogalehrende können wir sehr schnell anfangen, unsere Praxis ausschließlich nach ihrer Wirkung zu beurteilen.

Was reguliert?

Was aktiviert?

Was mobilisiert?

Was stärkt?

Was stimuliert den Vagusnerv?

Was unterstützt welche Funktion?

Alles interessante Fragen.

Aber manchmal reicht auch:

„Mag ich das eigentlich?“

Denn Yoga muss nicht immer ein therapeutisches Projekt sein. Manchmal darf eine Bewegung einfach schön sein. Manchmal darf eine Asana Spaß machen. Manchmal darf eine Meditation langweilig sein. Und manchmal darf die Antwort auf die Frage, warum du etwas praktizierst, einfach lauten:

„Weil ich es liebe!“
4. Geh ohne Unterrichtsplan auf die Matte

Das ist vielleicht die schwierigste Übung!

Geh auf deine Matte und beschließe vorher: Heute entsteht daraus keine Yogastunde, ohne Konzept oder vorgeplante Sequenz.

Keine neue Idee für deine Schüler*innen oder Analyse.

Spür deinen Körper, atme, bewege dich.

Und wenn du nach zehn Minuten keine Lust mehr hast, dann ist das auch eine Information. Deine Praxis muss nicht beeindruckend sein. Sie muss dir gehören.

5. Erlaube dir, Dinge wieder langweilig zu finden

Ich glaube, das ist ein Punkt, über den wir viel zu wenig sprechen.

Wenn man ständig neue Ausbildungen macht und neue Inhalte lernt, kann die eigene Praxis irgendwann ziemlich „alt“ wirken.

Sonnengrüße? Kenn ich.

Atemübungen? Mach ich schon.

Meditation? Weiß ich doch.

Aber vielleicht liegt genau darin etwas Wertvolles. Nicht alles muss neu sein, damit es sinnvoll ist. Vielleicht brauchen wir als Yogalehrende manchmal weniger neue Impulse und mehr Zeit, um das bereits Gelernte wirklich zu verkörpern. Denn zwischen etwas wissen und etwas leben liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Wissen ist nicht das Problem

Ich möchte dabei eines ganz klar sagen:

Ich glaube nicht, dass Ausbildungen, Wissen oder neue Methoden das Problem sind. Im Gegenteil. Ich liebe Lernen und werde wahrscheinlich auch weiterhin Ausbildungen machen. Der Unterschied liegt für mich inzwischen woanders.

Ich möchte nicht mehr alles, was ich lerne, automatisch in meine eigene Praxis integrieren und ich möchte auch nicht mehr glauben, dass meine Praxis besser wird, je mehr Dinge ich darin unterbringe.

Vielleicht ist eine gute Praxis manchmal genau die, bei der wir irgendwann nicht mehr darüber nachdenken, ob sie gut ist. Wir machen sie einfach. Wir sind da, atmen, bewegen uns, beginnen wieder zu spüren. Und vielleicht passiert genau dort wieder das, weshalb wir überhaupt angefangen haben.

Ein kleiner Selbstcheck für deine nächste Praxis

Wenn du selbst gerade das Gefühl hast, deine Praxis verloren zu haben, probier einmal Folgendes:

Geh für die nächsten drei Praxiseinheiten bewusst ohne neues Konzept auf die Matte.

Nimm nichts mit, das du gerade gelernt hast.

Versuche nicht, deine Praxis zu optimieren.

Und beantworte danach diese fünf Fragen:

Was hat sich heute wirklich gut angefühlt?
Was habe ich gemacht, weil ich es brauche – und was, weil ich dachte, ich sollte es machen?
Wann war ich wirklich präsent und wann war ich im Kopf?
Welche Elemente meiner Praxis möchte ich behalten, auch wenn sie niemand anderem etwas „bringen“?
Was könnte ich gerade weglassen?

Vielleicht kommt dabei eine ganz einfache Praxis heraus. Vielleicht zehn Minuten oder eine Stunde.

Vielleicht immer wieder dieselbe Sequenz oder nur Pranayama, ein paar Sonnengrüße und Shavasana.

Es gibt dabei kein richtig oder falsch. Der Punkt ist nicht, die perfekte Praxis zu finden. Der Punkt ist, wieder herauszufinden, was deine Praxis überhaupt zu deiner macht.

Heute weiß ich: Ich brauche nicht mehr Yoga. Ich brauche mehr echtes Yoga.

Das ist für mich ein ziemlich großer Unterschied. Ich möchte weiterhin lernen und mich weiterentwickeln.

Ich möchte eine gute Yogalehrerin sein und meinen Schüler*innen fundierte, sichere und sinnvolle Räume anbieten, aber meine eigene Matte muss nicht mein Arbeitsplatz sein. Sie darf wieder ein Ort sein, an dem ich nichts leisten muss.

Und vielleicht ist genau das die Lektion, die ich nach über 20 Jahren Yoga gerade wieder lernen darf:

Nicht alles, was wir wissen, müssen wir tun.

Manches dürfen wir einfach wissen, manches dürfen wir wieder vergessen. Und manches dürfen wir so lange praktizieren, bis wir nicht mehr darüber nachdenken müssen. Vielleicht beginnt genau dort wieder dieser Flow. Nicht wenn wir noch mehr wissen, sondern wenn wir wieder anfangen zu spüren.

Und vielleicht ist deine nächste Praxis deshalb nicht die, in der du etwas Neues ausprobierst. Vielleicht ist es die, in der du endlich wieder das machst, was du eigentlich schon immer geliebt hast.

Schön, dass du hier bist.

Ich bin Jools – Yogalehrerin, Mama von drei Kindern und seit über 20 Jahren selbst auf der Matte. In meinem Yoga geht es nicht darum, noch mehr leisten oder wissen zu müssen, sondern darum, wieder mehr zu spüren, was dir wirklich guttut.

Ich schreibe hier über Yoga, Nervensystem, Embodiment, meine eigene Praxis und all die Dinge, die mir auf und neben der Matte begegnen.

Schön, dass du ein Stück mit mir gehst.

Jools

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